Changeprojekt PLM2015 bei Daimler erfolgreich abgeschlossen

PLM ist als digitales Rückgrat der Produktentwicklung stets im Fokus

Langfristig ebnet ein leistungsfähiges Modellierwerkzeug auch den Weg in die Industrie 4.0, weil es die Grundlage für die digitale Durchgängigkeit legt Bild: Daimler
Langfristig ebnet ein leistungsfähiges Modellierwerkzeug auch den Weg in die Industrie 4.0, weil es die Grundlage für die digitale Durchgängigkeit legt Bild: Daimler
Dr. Michael Gorriz, bis Mitte 2015 CIO von Daimler Bild: Sendler
Dr. Michael Gorriz, bis Mitte 2015 CIO von Daimler Bild: Sendler
Dr. Peyman Merat, Projektleiter PLM2015, Daimler Bild: Sendler
Dr. Peyman Merat, Projektleiter PLM2015, Daimler Bild: Sendler
Helmut Schütt, CIO Daimler Trucks, Buses Vans Bild: Sendler
Helmut Schütt, CIO Daimler Trucks, Buses Vans Bild: Sendler
Unter der Bezeichnung PLM2015 hat der Automobilhersteller Daimler eines der größten IT-Change-Projekte erfolgreich abgeschlossen und das CAD-System gewechselt. Die Gründe dafür liegen aber vor allem im Zusammenspiel mit dem Product Lifecycle Management, das in erster Linie die Effizienz der Engineering-Prozesse betrifft. Eine der kommenden Herausforderungen liegt nun im Systems Engineering.

Erheblich früher als geplant hat DaimlerDaimler im Mai 2015 den als ambitioniert eingeschätzten Umstieg von der CAD-Software Catia (DDassault Systèmesassault Systèmes) zu NX (SSiemens PLM Softwareiemens PLM Software) mit dem Projekt PLM2015 abgeschlossen. Im November 2010 hatte der Vorstand beschlossen, dass der Systemwechsel in allen Fahrzeugklassen weltweit bis Ende 2015 abgeschlossen sein solle. Es war eines der größten Umstellungsprojekte der letzten Jahrzehnte, wie CIO Dr. Michael Gorriz anlässlich einer Pressekonferenz im Mai 2015 betonte. Und es dürfte eines der größten Industrieprojekte sein, das nicht durch ständige Budgeterhöhungen, sondern durch das vollständige Einhalten des Kostenplans besticht.

Der Einsatz von CAD kann, so Dr. Gorriz, nur in enger Verbindung mit PLM gesehen werden. Dafür ist bei Daimler das System Smaragd im Einsatz, das auf der Basis einer Vorgängerversion von Teamcenter (ebenfalls Siemens PLM Software) zu einer firmenspezifischen Lösung ausgebaut wurde, die es dem Hersteller heute ermöglicht, in allen Prozessen von Entwicklung und Fertigung weltweit und jederzeit auf dieselben aktuellen Daten zugreifen zu können. Bei einem Wechsel von Catia V5 zu V6 sah sich Daimler vor die Alternative gestellt, entweder das CAD-System zu wechseln – weil Smaragd durch V6 nicht hinreichend unterstützt werden würde –, oder Smaragd durch Enovia (ebenfalls Dassault Systèmes) auszutauschen, das aber die Prozesse von Daimler nicht vergleichbar unterstützt hätte. Daraufhin entschied sich der Vorstand, von Catia zu NX und im nächsten Schritt von Smaragd zu Teamcenter zu wechseln.

Mehr als 6.200 Anwender geschult

Auch wenn der Umstieg in CAD nicht so gravierend ist wie in PLM, ist PLM2015 offenkundig eines der größten IT-Change-Projekte, die es bisher in der Industrie gegeben hat. Seit 2012 wurden unternehmensweit mehr als 6.200 Anwender im neuen System geschult. Dafür implementierte der Hersteller 33 rollenbasierte Trainingsmodule in Deutsch und Englisch, besondere Kurse auch in Japanisch, Portugiesisch, Spanisch und Türkisch. Zeitweise wurden rund 1.000 Anwender pro Quartal geschult. Über 100 Supporter unterstützten den Umstieg vor Ort. Und mehr als 300 Mitarbeiter bei der Research- und Development-Außenstelle von Daimler im indischen Bangalore arbeiteten in Spitzenzeiten an der Migration der Daten von Catia V5 nach NX. Zudem haben alle relevanten Zulieferer – sofern sie nicht bereits mit NX arbeiteten –, als Konsequenz der Umstellung bei Daimler ebenfalls zu NX gewechselt.

Dr. Peyman Merat, Projektleiter PLM2015, erläuterte, wie er mit seinem Team in enger Zusammenarbeit mit Siemens den Wechsel umgesetzt hat, an dessen Ende statt 15 Versionen von Catia eine einzige Version NX für alle Bereiche weltweit im Einsatz ist. Der Qualitäts-Check der von Lieferanten kommenden Modelldaten wurde umgestellt von Q-Checker auf HQM (Heidelberg Quality Manager) von Heidelberger Druckmaschinen. Neben der Sicherstellung aller mit dem bisherigen System beherrschten Funktionalität können die Anwender auf diese Weise auch positive Erweiterungen nutzen. So bietet die Kinematik-Simulation bei NX nicht nur die Animation der Bewegungsabläufe, sondern gleichzeitig integrierte Berechnungsmöglichkeiten.

„Mit NX sehen wir Potenzial insbesondere hinsichtlich der physikalischen Beschreibung und Analyse des Produktverhaltens", erläuterte Dr. Merat. So bietet NX etwa die Möglichkeit, bei der Auslegung des Elektroantriebs eines Schiebedachs bereits den Verlauf der Schließkraft über der Zeit beim Zufahren des Schiebedachs und damit auch die maximale Schließkraft zu berücksichtigen, um Verletzungen der Fahrzeuginsassen sicher auszuschließen. Eine andere Neuerung betrifft die Aktualität der Engineering-Daten: Vorher wurden Downloads aktualisierter Modelldaten über Nacht vorgenommen. Jetzt arbeitet jeder User direkt in der Datenbank Smaragd, die Daten sind also stets aktuell, ohne dass dafür ein Zeitverlust in Kauf genommen werden muss.

Über 10 Millionen Modelle sind inzwischen bei Daimler im neutralen ISO-Standardformat JT gespeichert. „Das frühzeitige Setzen auf JT war einer der Hauptpfeiler für den Erfolg des Projektes", so Dr. Merat. Für viele Aufgaben werden heute JT-Daten anstelle der umfangreicheren Originaldaten genutzt, auch in der Zusammenarbeit mit den Lieferanten, mit anderen Herstellern und in Joint Ventures.

Helmut Schütt, CIO Daimler Trucks, Buses Vans, betonte, dass es nun darum gehe, den erfolgreichen Umstieg in vollem Umfang zu nutzen und die neue Systemlandschaft weiter zu optimieren. Dabei hat sich für Daimler die Zusammenarbeit mit Siemens nicht nur bewährt, sondern sie ist im Laufe des Projektes noch intensiver geworden. Wichtige Kernthemen haben beide Häuser gemeinsam, etwa die Realisierung von Methoden des Systems Engineerings, das gerade für die Automobilindustrie von zentraler Bedeutung ist.

Für Dr. Gorriz hat sich übrigens das Verhältnis zwischen Dassault Systèmes und Daimler, das zum Zeitpunkt des Projektstarts nicht gerade von großer Gelassenheit geprägt gewesen sei, wieder spürbar normalisiert. Und für Gorriz selbst war es nicht das erste Großprojekt bei Daimler – aber das letzte, denn er hat das Unternehmen verlassen und ist nun in der Bankenbranche unterwegs. Sein Nachfolger ist mit Jan Brecht bei Daimler kein Unbekannter.

Ulrich Sendler ist Analyst und Betreiber des PLMportals unter: www.plmportal.org

KEYNOTE

Anlässlich des ENGINEERING CAMPUS berichtet Dr. Peyman Merat in der Keynote ‚Das digitale Rückgrat der Produktentwicklung‘ über die Erfahrungen aus dem erfolgreich abgeschlossenen Projekt PLM2015 bei Daimler.

22. September 2015, 09:40 bis 10:20 Uhr

Daimler AG

Stuttgart

Tel. +49 711 / 17 – 0

www.daimler.com

Das Programm des ENGINEERING CAMPUS finden Sie unter:

www.engineering-campus.de

18.08.2015


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