Dr. Manfred Wittenstein, Vorstandsvorsitzender Wittenstein AG, Igersheim

Technik wird weiblich

09.04.2009 // Interview
Wir brauchen die verschiedenen Denkweisen von Frauen und Männern
„Wir brauchen die verschiedenen Denkweisen von Frauen und Männern“

Der Name Wittenstein steht für Innovation, vorbildliche Unternehmenskultur, Förderung der Jugend und Engagement für die deutsche Wirtschaft. Nachdem Energieeffizienz und Umweltfreundlichkeit hier zum Selbstverständnis zählen, prophezeit der Antriebsspezialist auf der Hannover Messe, dass Technik „weiblich“ werden wird. KEM unterhielt sich mit Dr. Manfred Wittenstein u. a. über diese neue „Weltanschauung“.

· Sie wollen „andere erfolgreicher machen“. Wie soll Ihnen das gelingen?

Dr. Wittenstein: Um andere noch erfolgreicher zu machen, müssen wir uns nicht nur in die Gedankenwelt unserer Kunden vertiefen, sondern zudem für sie weiterdenken. Wir sind ja alle ein bisschen betriebsblind und tendieren dazu, unser Tun als das Richtige anzusehen. Als Außenstehender hat man aber manchmal ein anderes Bild oder bekommt Input vom Endkunden. Daher möchten wir als Wertschöpfungspartner auch Ideenbringer sein. Global gesehen müssen wir schauen, was für unsere Kunden in den jeweiligen Volkswirtschaften sinnvoll ist, um ihnen ein schnelles, dynamisches Wachstum mit qualitativ hochwertigen Produkten vor dem Hintergrund einer oft niedrigeren technologischen Basis zu ermöglichen.

· Die Wittenstein AG besteht aus sieben Gesellschaften. Wie tragen diese einzeln zum Erfolg der Gruppe bei?

Dr. Wittenstein: Den Schwerpunkt unseres Geschäftes mit 75 Prozent des Gesamtumsatzes generiert die Wittenstein Alpha GmbH mit der Getriebetechnik. Das restliche Viertel teilt sich auf in unsere anderen Gesellschaften, die auf den Technologiefeldern Systeme, Servomotoren, Verzahnung und Elektronik sowie den Märkten Aerospace und Medizintechnik basieren. Die Dynamik der einzelnen Bereiche ist dabei sehr unterschiedlich. Bei dieser Aufstellung entstehen sehr interessante Synergieeffekte. Somit sehe ich die größten Wachstumschancen darin, im Sinne der Mechatronik intelligente Produkte mittels der unterschiedlichen Technologiefelder zu entwickeln; insbesondere dann, wenn wir neue Applikationen erschließen. Aerospace und Servomotoren zeigen zudem eine steigende Tendenz.

· Sie begehen in diesem Jahr gleich zwei Jubiläen: 60 Jahre Unternehmensgründung und 25 Jahre Wittenstein Alpha. Welche Meilensteine gab es?

Dr. Wittenstein: Ein Meilenstein war sicher die Gründung des Unternehmens (damals Dewitta) durch meinen Vater. Er war sehr erfolgreich in der kleinen Nische der Handschuh-Nähmaschinen tätig. Als ich das Unternehmen übernommen habe, ging ich auf die Suche nach neuen Märkten mit langfristigen Entwicklungschancen. Diese fand ich in der Antriebstechnik, die wir in den 80er Jahren mit den spielarmen Planetengetrieben präzisiert haben. Ende der 80er Jahre kam ich zu der Erkenntnis, dass es wahrscheinlich nicht ausreicht, nur auf dem Sektor getriebemechanischer Elemente/Präzisionsgetriebe tätig zu sein. So haben wir den Weg der mechatronischen Antriebstechnik eingeschlagen. Um hierfür Gesamtlösungen anbieten und Miniaturisierung, Integra- tion, Intelligenz sowie Netzwerkfähigkeit realisieren zu können, begannen wir uns intensiv mit Elektronik, Motoren, Software und Sensorik zu beschäftigen. Ein weiterer Meilenstein war in den 90er Jahren die Entscheidung für die Globalisierung; zumal wir noch ein relativ kleines Unternehmen darstellten. Heute sind wir so global aufgestellt, wie es unsere Kunden erfordern.

· Wie viel Wirtschaftkrise muss die Wittenstein-Gruppe verkraften?

Dr. Wittenstein: Nachdem wir im Oktober letzten Jahres noch den höchsten Umsatz aller Zeiten verzeichnen konnten, sind wir gegenwärtig natürlich auch von den aktuellen Entwicklungen betroffen. Im November, Dezember und Januar mussten wir Auftragsrückgänge um 30 Prozent gegenüber unserem Plan verkraften. Im Moment verzeichnen wir eine tiefe Auftragsschwäche, die wir überwinden werden. Zudem belastet uns das finanzwirtschaftliche Thema zutiefst. Viele Exportaufträge unserer Kunden sind gefährdet und wir sind exportabhängig. Wir haben aber eine Strategie, wie wir mit der Krise umgehen. Glücklicherweise haben wir uns in den vergangenen Jahren entsprechend Atmungsfähigkeit aufgebaut, so dass wir heute mit einem Minus von 20 Prozent unserer Jahreskapazität ‚überleben‘ können, ohne das dies zu Kurzarbeit oder Entlassungen führt. Dies entspricht unserer Philosophie, die besagt: Wir brauchen Gewinne, um Innovationen umzusetzen. Innovationen kann man aber nur mit dem wichtigsten Kapital eines Unternehmens umsetzen: den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Daher versuchen wir den Lebensstandard unserer Mitarbeiter stabil zu halten.

· Die Antriebstechnik ist heute mechatronisch, intelligent, kompakt, automatisiert. Welche Trends sehen Sie für die Zukunft?

Dr. Wittenstein: Die besagten Trends der Mechatronik sind noch lange nicht ausgereift. Das eigentliche Ziel ist die tatsächliche Verschmelzung der einzelnen Technologien. Wir als Wittenstein AG werden uns künftig zwei Themen stärker zuwenden: der ‚Technik für Menschen‘ und der ‚Technik und Umwelt‘. Daher müssen sich unsere Ingenieure fragen, welchen Beitrag sie für die Menschen leisten, Stichwort: Mensch-Maschine-Schnittstelle. Zudem müssen wir versuchen, unsere Produktentwicklungen stärker in Harmonie mit der Umwelt zu bringen. Wenn wir beides umsetzen, können wir Technik noch stärker in den sozialen Kontext stellen. Vor diesem Hintergrund haben wir uns für das Hannover Messe-Motto ‚Technik wird weiblich’ entschieden. Wir wollen einmal nicht nur auf unsere Neuheiten, Energieeffizienz oder Ressourcenschonung abzielen, sondern zum Nachdenken anregen. Wir zeigen damit eine Tendenz auf, die wir dringend brauchen, damit wir die genannten Themen neu definieren und bewältigen können. Wir brauchen die verschiedenen Denkweisen von Frauen und Männern. Ich bin zutiefst überzeugt, dass erst das Zusammenspiel von Männern und Frauen in der Technik uns zu neuen Lösungen führen wird. Um dem Motto gerecht zu werden, werden auf unserem Messestand ausschließlich Vertriebsingenieurinnen die geschäftlichen Kontakte betreuen.

· Welche Neuheiten werden Sie auf der Hannover Messe präsentieren?

Dr. Wittenstein: Wir fokussieren uns in Hannover auf neue und weiterentwickelte Produkte, die den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen und Energie zeigen. Wir werden erstmals das Spielarme Planetengetriebe SP+/TP+ in einem technischen und optischen Upgrade präsentieren, sozusagen als Beweis und Ausdruck der Perfektion. Bei der Weiterentwicklung der beiden Baureihen SP+/TP+ haben wir konsequent das Ziel Ressourceneffizienz verfolgt. Ablesen lässt sich das an den Details, beispielsweise daran, dass die neueste Genera- tion erneut leiser geworden ist. Verbessert wurden zudem die zulässigen Querkräfte der SP+-Getriebe. Dies steigert die Robustheit der Getriebe und eröffnet den Kunden die Option, eine kostengünstige kleinere Baugröße einzusetzen.

· Sie sind Präsident des VDMA , leiten ein 1300 Mitarbeiter starkes Unternehmen und engagieren sich in vielen weiteren Institutionen. Wie bringen Sie alles unter einen Hut?

Dr. Wittenstein: Da ich etwa nur die Hälfte der Zeit für die Firma übrig habe, erfordert das dort Menschen, die genauso viel Spaß an der Arbeit haben wie ich. Zudem muss ein gewisser Gleichklang der Ansichten bestehen. Meine Führungskräfte können das Unternehmen auch leiten, wenn ich nicht täglich vor Ort bin.

· Welche wirtschaftlichen und technologischen Ziele verfolgen Sie in diesem Jahr und mittelfristig für die Zukunft?

Dr. Wittenstein: Mittelfristig möchten wir wieder auf unseren Wachstumspfad zurückkommen, den wir jahrelang gegangen sind. Technologisch wollen wir die Mechatronik in einem ganzheitlichen Ansatz insbesondere im Zeichen der Miniaturisierung weiterentwickeln, in ganz neue Applikationen vordringen und Lebensräume erschließen, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Zum Beispiel werden Anwendungen in extremem Umfeld wie unter extrem hohem Vakuum interessant. Es gibt Technologien wie die Computer-, Halbleiter- oder Nanotechnik, die überhaupt nur im Vakuum funktionieren. Doch im Moment wollen wir erst einmal die Krise anständig meistern und uns so aufstellen, dass wir als Gewinner daraus hervorgehen.

Hannover Messe: Halle 14, Stand J04

Das Interview führte KEM- Redakteurin Angela Scheufler

Fotos: Frank Hermann

www.kem.de

Mechanische Antriebstechnik KEM 410

Quergefragt:

Staatliche Hilfen für angeschlagene Unternehmen….

...sind keine Lösung in unserer sozialen Marktwirtschaft.

In Krisenzeiten erfreue ich mich……

.…an den Möglichkeiten, Strukturen zu verändern, Neues zu gestalten und die Grundlagen für den kommenden Aufschwung zu entwickeln.

Als passionierter Porschefahrer……

…. finde ich, dass wir uns auch die Freude im Leben erhalten sollten.

Mit 66 Jahren....

….ist das Leben genauso spannend wie mit 30.

Firmenstenogramm:

· Gegründet: 1949, damals Dewitta AG, 1984 Alpha Getriebebau GmbH, seit 2001 Wittenstein AG

· Standort: Igersheim, Baden-Württemberg

· Mitarbeiter: 1.400

· Umsatz 2007/2008: 164 Mio. €

· Produkte: Mechatronische Antriebstechnik

· globale Aufstellung: 60 Tochtergesellschaften und Vertretungen in 40 Ländern in allen wichtigen Technologie- und Absatzmärkten der Welt


Kennziffersuche:
AusgabeJahrKennziffer Bsp. 0809432

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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