Exklusiv-Interview mit Dr. Emil Seidel
Die neue „M-Klasse“
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- Dr. Emil Seidel ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Moeller Firmengruppe in Bonn
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- Dipl.-Ing. Wolfgang Blome ist seit 1.4.1999 Generalbevollmächtigter der Moeller Holding in Bonn. Er ist verantwortlich für die Technologieentwicklung und die Produkt-/Marktkoordination der Moeller Firmengruppe
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- Dr. Emil Seidel, Moeller-Firmengruppe, im Gespräch mit Martin Kandziora, Redaktion elektro Automaton
Moeller feiert dieses Jahr seinen 100. Geburtstag und stellt sich der Herausforderung des neuen Jahrtausends optimistisch sowie auch kritisch. Welche Entwicklungen man von Moeller erwarten kann, verdeutlicht das Exklusiv-Interview mit Dr. Emil Seidel, Vorsitzender der Geschäftsführung der Moeller Holding. Er erläutert die Richtung, die das Familienunternehmen mit seinen 12 000 Mitarbeitern gehen wird. Zudem antwortet Wolfgang Blome, jetziger Generalbevollmächtigter und früherer Geschäftsführer von Phoenix Contact.
Bei 100 Jahren Firmengeschichte darf man - ohne den Blick für die Zukunft zu verlieren - zurückblicken. Was waren die technologischen Meilensteine?
Dr. Seidel: Der Meilenstein, der für das Unternehmen von Bedeutung war, ist aus heutiger Sicht nicht unbedingt ein technologisches High-light. Hein Moeller patentierte das erste Kleinölschütz und - was viel entscheidender war - er verstand es diese technologische Erfindung in Kapital umzuwandeln. Damit hatte er sich als Miteigentümer in die Gesellschaft Franz Klöckner eingekauft. In den 20er Jahren überlegte Hein Moeller, inwieweit die vielen unterschiedlichen Installationen an Maschinen z.B. bei Steuerungen alle separiert sein mußten. Daraufhin integrierte er Installations- und Steuerungstechnik in einen Schaltkasten. Ein Meilenstein, der interessanter Weise gerade heute eine ganz andere Dimension erhält, wenn man die Bustechnologie für die schaltschranklose Verdrahtung betrachtet. Nicht zuletzt unser neuer Kollege, Wolfgang Blome, wird zu diesem Thema noch einiges bewegen. Da kann die Automatisierungsbranche aus dem Hause Moeller bestimmt noch einiges erwarten.
Da gibt es unsere Technologie der Kunststoffkapselungen für alle Umgebungsverhältnisse in denen man mit normalem Stahlblech sinnvollerweise nicht hantieren konnte. Das konnten wir nicht mit dem Erfolg vermarkten. Vielleicht lag es daran, daß der Kunde Blechkapselungen wünscht, oder wir in diesem Punkt eine falsche Politik betrieben haben. Damals kam dem Blechschrank als Verpackung von Schaltgeräten eine deutlich größere Bedeutung zu, als dem eigentlichen Schaltgerätegeschäft. Dadurch hat man dem Anlagengeschäft und der Kapselung nur eine sekundäre Bedeutung beigemessen. Das ist heute anders. Im Anlagengeschäft haben wir derzeit einen Auftragseingang wie nie zuvor in der Geschichte unseres Unternehmens. Auch der riesige Erfolg mit Schaltanlagen, ob sie jetzt Energieverteilung oder ob sie Steuerungen nehmen, zeigt uns, daß wir mit dem anders eingeschlagenen Weg offenbar richtig liegen. Nur zu aller Innovation in der Technik gehört auch der Fortschritt in den Köpfen der Mitarbeiter für die Vermarktung. Die Kombination aus Technologie und Ökonomie ist das, was heute beherrscht werden muß. Alles andere greift einfach zu kurz. Da werden wir uns in einigen Punkten zweifellos - angesichts unserer stolzen 100 Jahre - mit Vermarktungsproblemen auseinandersetzen.
Technologie und Ökonomie müssen zusammenspielen
Das Zusammenspiel des technologischen Vorsprungs und der Ökonomie muß also stimmen. Moeller setzt auf aktuelle Entwicklungen bei Produkten und Vermarktung, z.B. über das Internet oder das 1998 vorgestellte Steuerrelais easy, das zum viertbesten Produkt des Automation Award gewählt wurde. Welche Entwicklungen erwarten den Kunden?
Dr. Seidel: Zum einen muß man zur Kenntniss nehmen, daß es in gewissen Bereichen, z.B. der Elektromechanik, physikalisch nicht so schnell vorangeht. Schneller gehen die Entwicklungen im Bereich der Elektronik und selbstverständlich bei der Software voran. In erster Linie wird sich die Bedienbarkeit für den Kunden vereinfachen und zwar aus verschiedenen Blickwinkeln. Erstens wird die Bedienung auch für den Laien einheitlich geschaffen werden. Man muß die Benutzeroberfläche stark vereinfachen, damit der Kunde leichter damit umgehen kann. Denn daraus zieht er einen meßbaren, ökonomischen Nutzen. Er kann das Produkt schneller installieren und leichter anwenden - in allen Bereichen der Elektrotechnik wie der Fabrik- und Gebäudeautomatisierung, der Prozeßsteuerungs- und -regeltechnik.
Veränderungen werden kommen
Die Bereiche Software und schaltschranklose Verdrahtung sind nicht unbedingt Bereiche, die Moeller traditionell bedient hat. Oftmals schafft es Moeller diese Lücken mit Zukäufen, Beteiligungen und Übernahmen zu lösen. Beispiel im Bereich Antriebstechnik ist D-Tech oder im Bereich IPC Micro Design Systems. Welchen Nutzen erhält der Kunde durch diese Zukäufe? Wie integrieren sich diese Unternehmen und wie sieht die interne Konkurrenzsituation aus, gerade auch mit den Produkten, die sie ja traditionell im Hause haben?
Dr. Seidel: Man kann in der Zukunft nicht unbedingt so verfahren wie in der Vergangenheit. Der schöne Erfolg der Vergangenheit muß die Basis bilden für ein Weiterarbeiten an einer erfolgreichen Zukunft. Das, was gestern war, ist morgen vielleicht gar nicht mehr interessant. Technologisch heißt logischerweise, daß wir uns damit vertraut machen müssen, daß Substitutionsprozesse stattfinden. Und wenn wir uns nicht selbst substituieren, wenn wir nicht selbst technologisch etwas fortentwickeln, dann übernehmen es andere. Die Integration von zugekauften Firmen stellt kein Problem dar. Das ist sehr intensive Arbeit, bei der man auch verschiedene Kulturen zusammenführen muß, z.B. bei Felten & Guilleaume. In einer technologischen Sparte selber etwas aufzubauen, kostet viel Zeit. Im Zeitwettbewerb gilt es heute sehr schnell zu sein mit einer bestimmten kritischen Masse, die ein erfolgreiches Bewegen ermöglicht. Wir kaufen nicht beliebig in irgendwelchen Diversifikationsbereichen, sondern im Kerngeschäft, das im Fokus unserer Bemühungen steht für den Markt, für Kundenlösungen und für Applikationen. Das ist das Fortschreiten des Unternehmensgedankens mit aktuellen technologische Mitteln.
Jetzt haben sie ja seit 1.4. Herrn Blome gewonnen als Generalbevollmächtigten, der zuvor bei Phoenix Contact Geschäftsführer war. Er ist verantwortlich für den Bereich Technologie und Entwicklung sowie Produkt- und Markkoordination. Bei Phoenix Contact war er federführend für Bussysteme, speziell Interbus. Schlägt Moeller hier auch einen anderen Weg ein?
Dr. Seidel: Herr Blome übernimmt bei uns zwei Jobs. In der Holding verantwortet er den von Ihnen genannten Bereich. Gleichzeitig ist er dritter Geschäftsführer der Moeller GmbH – dort für den Bereich Automatisierungssysteme und OEM-Vertrieb verantwortlich. Im eigenen Haus hatten wir niemanden, der aus dem Stand heraus diese Aufgaben anpacken konnte. Herr Blome kann das, das hat er bereits bewiesen. Herr Blome wird seinen Bereich nach vorne „powern“.
Puls am Markt
Wie viele andere Großunternehmen strukturiert auch Moeller um. Welches sind Ihre konkreten Ziele?
Dr. Seidel: Wir waren in der Vergangenheit sehr stark funktional organisiert, d.h. jeder übernahm Einzelaufgaben. Unser Mitarbeiter als Unternehmer im Unternehmen übernimmt jetzt eine möglichst umfangreiche, vollstufige Verantwortung für alle Einzelfunktionen. Auch oder gerade einem Entwickler gibt doch der Puls am Markt die Marschrichtung vor und nicht nur das geistige Reisbrett. Aus dieser Idee heraus kann man Technik am Markt umsetzen.
Nach der Rezession Mitte der 90er Jahre konnte man in der Elektronik auch in der Automatisierungsbranche einen wahren Boom miterleben. Scheint Ende des Jahrtausends ein wenig Windstille zurückzukehren?
Dr. Seidel: Nichts ist normaler als Konjunkturzyklen. Letztendlich müssen wir eigene Kostenstrukturen, die eigenen Leistungsstrukturen effizienter machen. Zudem schenken wir dem Servicegedanken die notwendige Aufmerksamkeit, d.h. wir bieten dem Kunden einen noch problemloseren Umgang im Geschäft. Die Unterscheidungsmerkmale bei Produkten, die sehr stark einer internationalen Normung unterliegen, werden nicht mehr im wesentlichen am Produkt zu finden sein, sondern in der Produktumgebung. D.h. im Umfeld, dem Service und einer richtig satten Kundenorientierung. Dem werden wir uns ganz deutlich zuwenden.
Neue Wege mit Wolfgang Blome
Herr Blome, wenn ich Ihnen an Ihrem zweiten Arbeitstag hier diese Fragen stellen darf: Welche Ziele werden Sie bei Moeller verfolgen?
W. Blome: Auf jeden Fall bildet Moeller eine gute Basis, um in der Automatisierung eine angemessene Rolle zu spielen. Wir besetzen eigentlich zwei strategische Geschäftsfelder. Erstens die Komponenten, hier besonders die intelligente Aktorik, die immer wichtiger wird, und zweitens die Anlagentechnik, die wiederum ein Unternehmen befähigt, einen Systemvertrieb aufzubauen. Die Automatisierung ist dabei die Zukunftsmusik, die beide Bereiche zu Systemlösungen zusammenschmiedet. D.h., die Komponenten werden an das Systemische herangeführt, welches die Anlagentechnik benötigt. Das ist eigentlich die Zukunft der Automatisierung. Ich nenne es auch zukünftig viel lieber Systemtechnik als Automatisierungstechnik, denn Automatisierungstechnik verbindet man sehr schnell mit dem Begriff SPS. Das wird es bei Moeller nicht sein, sondern eigentlich die drei Geschäftsarten Komponenten, Systemlösungen und Anlagentechnik integrativ dem Kunden als Lösungspaket anzubieten. Das besitzt kaum ein Unternehmen in einer Plattform.
Nun gibt es bei Moeller auch SPS-Systeme. Sie kommen von Phoenix Contact, das mit SPS-Systemen wenig zu tun hat. Wie bringt sich das bei Moeller mit ein?
W. Blome: Ich denke, es gibt in der Automatiserung fünf Themen, die wichtig sind: Die Kommunikationstechnik war ein emotionales Thema der letzten zehn Jahre, da die parallele Verkabelung durch eine revolutionäre, serielle Technik abgelöst wurde. Zukünftig wäre es zu wenig, wenn man beim Feldbus aufhört. Denn in Zukunft will der Kunde zudem eine Lösung, die im wesentlichen aus den Microsoft-gestützen Kommunikationssystemen besteht, d.h. Betriebssystem, Software und als Basis dazu die PC-Technologie. Deswegen auch der Schwerpunkt auf Microsoft-Produktstrategien, die PC-Technik ist eigentlich ein Add-on zu der Softwaretechnologie. Der Schlüssel liegt in der Softwaretechnik. Die Kommunikation ist ein strategischer Punkt in der Kombination von Ethernet, Feldbus und Sensor-/Aktorbus. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die transparente Sicherheitstechnik, wenn man davon ausgeht, daß heute ca. 10% aller Ausgänge Sicherheitsausgänge sind und zukünftig über 50% aller Ausgänge Sicherheitsaudgänge sein werden. Man wird keine redundante Sicherheitstechnik neben der Steuerungstechnik mehr aufbauen, sondern die Sicherheitstechnik wird Bestandteil der Automatisierungstechnik werden. Wenn wir uns heute konventionelle Schaltschränke ansehen oder die dezentrale Automatisierung, dann ist Moeller prädestiniert, diese Themen richtig anzupacken. Das war auch der Reiz für mich, zu Moeller zu gehen.
Nun, da gibt es Beteiligungen in der Schweiz, die werden Industrie-PCs produzieren. Aber so wie ich es sehe, befindet sich Moeller noch im Anfangsstadium?
W. Blome: Genauso, wie auch ich hier neu bin und eine Istwelt antreffe, befinden wir uns in einem fortgeschrittenen Anfangsstadium. Man hat Zukunftspläne, dieses Thema weiter voranzubringen Das gilt auch für die bestehenden Automatisierungsprodukte, hier wird es eine Migrationsstrategie geben. Es wird kein Kunde verprellt werden, sondern das Bestehende, das ist die Kunst und meine Aufgabe, wird so in die Zukunft überführt, daß der Kunde seine Freude haben wird. Der springende Punkt ist, wie sich Systeme weiterentwickeln und vor allem wie die Integration der Produkte in die verschiedenen Geschäftsweltarten von Moeller integriert werden. DerErfolg für den Kunden ist, wenn eine Komponente systemfähig wird, und diese sich in der Anlagentechnik wiederfindet.
Die Interviews führte Martin Kandziora, Redaktion elektro Automation

